Meine persönliche Geschichte

Ich werde oft von den Frauen, die zu mir für eine Beratung oder Behandlungen kommen gefragt, wie ich denn überhaupt dazu gekommen sei mit dem Thema Kinderwunsch zu arbeiten. Denn wenn man meinen bisherigen Lebensweg betrachtet, ist dies nicht unbedingt naheliegend. Ich war ja sehr lange Tänzerin, dann Personal Trainerin und dann…

Sehr lange habe ich damit gezögert, meine Geschichte zu erzählen. Nicht, weil ich mich dafür schämte oder sie verstecken wollte. Ich war mir einfach unsicher, wie das bei den Frauen, die ja bei mir Hilfe beim schwanger werden suchen, ankommt. Doch in den letzten Monaten habe ich gemerkt, dass es mir nicht nur ein Bedürfnis geworden ist zu erzählen, wie ich zum Kinderwunsch gekommen bin, sondern haben mich auch immer mehr Frauen darauf angesprochen. Irgendwie kam es mir vor, wie ein Zeichen. Deshalb möchte nun ich hier meine ganz persönliche Geschichte erzählen.

Tänzerin, Tanzlehrerin und alleinerziehende Mutter mit zwei Töchtern

Ich habe meine beiden Töchter (Jg 1993 und 1997) grösstenteils alleine erzogen. Während dieser Zeit war ich vor allem als Tanzlehrerin und Tänzerin aktiv und habe so unseren Lebensunterhalt verdient. Durch meine Selbständigkeit hatte ich auch die Möglichkeit mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen und während meiner Unterrichtszeiten habe ich mich mit verschiedenen Betreuungspersonen organisiert. Es ging mir/uns gut und auch wenn das alles unter einen Hut zu bringen und die Verantwortung ganz alleine zu tragen, nicht immer einfach war und teilweise auch sehr anstrengend, war ich doch glücklich mit meinem Leben.

Neuer Partner, neuer Lebensabschnitt

Als ich 41j. war, lernte ich einen neuen Partner kennen. Er war sofort offen meinen Kindern gegenüber und hat gerne Zeit mit ihnen verbracht. Was bisher nie wirklich der Fall war. Denn als alleinerziehende Mutter einen Mann kennenzulernen, der die eigenen Kinder nicht nur willkommen heisst, sondern auch annimmt, ist absolut nicht selbstverständlich. Das kennen sicher ganz viele Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind. Nach einem Jahr glücklicher Beziehung entstand bei uns beiden der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind. Mein Partner hatte selbst noch keine eigenen Kinder und ich fand den Gedanken schön, zusammen ein Kind zu bekommen.

Späte Schwangerschaft

Natürlich meinte meine Gynäkologin, dass es eventuell nicht mehr klappen könnte mit einer Schwangerschaft. Ich war zu diesem Zeitpunkt ja bereits 42 Jahre alt. Doch irgendwie hat mir das gar keine Sorgen gemacht. Ich war mir sicher, dass es funktionieren würde. Und so war es auch. Im ersten „Uebungszyklus“ wurde ich sofort schwanger. Das kam zwar etwas überraschend, aber wir freuten uns beide sehr darüber.

Getrübte Schwangerschaft

Meinen Töchtern wollte ich von der Schwangerschaft erst dann erzählen, wenn die ersten 12 Wochen überstanden waren. Und nachdem die üblichen Abklärungen alle gut waren, erzählten wir allen von unserem Glück. Meine beiden Mädchen freuten sich unglaublich auf ein kleines Geschwisterchen. Ebenso unsere Familien und Freunde, welche zwar überrascht waren, sich aber sehr mit uns freuten. Die Schwangerschaft war allerdings nicht einfach. Es gab diverse berufliche, private und finanzielle Probleme bei mir und auch bei meinem Partner. Das belastete mich sehr und es ging mir teilweise sehr schlecht. Unser Kind hingegen entwickelte sich wunderbar und gerade das hielt uns aufrecht. Die Vorfreude auf die Zukunft und Ankuft unseres Kindes gab uns sehr viel Kraft und Zuversicht. Irgendwie würde es schon wieder gut werden. Wir hatten ja ein Ziel und würden bald mit einem wunderbaren, gemeinsamen Wunschkind beschenkt werden.

Der Beginn des Unfassbaren

Die Geburt unseres Kindes (wir wussten nicht und wollten es auch nicht wissen, ob Junge oder Mädchen) sollte in jenem Krankenhaus stattfinden, in dem schon meine zweite Tochter geboren war. Dort hatte ich mich sehr gut aufgehoben und betreut gefühlt. Ich war in der 38. Schwangerschaftswoche als ich eines Morgens mit einem komischen Gefühl aufwachte. Wie immer gingen meine Hände direkt zu meinem Bauch, um mein Baby zu begrüssen. Doch wenn ich sonst meistens einen Kick oder ein Rumoren als Antwort bekommen hatte, blieb mein Bauch diesmal ganz ruhig. Auch nach einigen Minuten tat sich nichts. In mir begann sich eine Eiseskälte auszubreiten und eine Ahnung, die ich aber angestrengt von mir wegschieben wollte. Nach einem späteren Telefonat mit der Klinik beruhigte man mich ein wenig, dass es normal sei, wenn das Kind sich weniger bewege zu diesem Zeitpunkt der Schwangerschaft. Doch die Unruhe in mir wuchs und die Angst stieg. Deshalb fuhr ich mit meinem Partner dann doch ins Krankenhaus zu einer Kontrolle. Ein wenig Hoffnung war noch da, denn inzwischen hatte ich auch leichte Wehen bekommen.

Die Gewissheit

Wir wurden nach unserer Ankunft sofort von einer Hebamme betreut und ich wurde untersucht. Das heisst die Herztöne meines Kindes wurden gesucht – und nicht gefunden. Eine leichte Hektik brach aus und eine zweite Hebamme kam herein und versuchte zu helfen. Inzwischen war ich starr vor Angst. Als auch diese Hebamme nichts finden konnte, wurde eine Aerztin gerufen, die mit einem Ultraschallgerät herbeikam. Und dann war es da, das Bild meines Kindes in meinem Bauch. Man konnte klar und deutlich sehen, dass sein Herz nicht mehr schlug. Die Aerztin und die beiden Hebammen schauten mich nur traurig an und es war klar, ohne Worte. Mein Kind war gestorben.

Die Geburt

Das Grauen und die Verzweiflung über den Tod meines Babys waren unvorstellbar und der Schmerz unerträglich. Ich konnte nichts anderes mehr als einfach nur schreien. Ich wollte am liebsten einfach weg. Mein Partner fiel erst in eine Art Starre durch den Schock. Obwohl meine Wehen inzwischen etwas stärker geworden waren, wollte ich einfach nur einen Kaiserschnitt. Einschlafen und nicht mehr aufwachen. Doch die Aerztin und auch die Hebammen empfahlen mir eine natürliche Geburt. Es sei wichtig, auch für den Verarbeitungsprozess. Doch wie sollte ich das tun, woher die Kraft dazu finden? Nachdem man uns für eine Weile allein gelassen hatte, damit wir gemeinsam eine Entscheidung treffen konnten, entschied ich mich dann doch für die natürliche Geburt. Ich bekam einen Wehentropf, der auch sehr schnell wirkte. Der Wehenschmerz war das eine, aber der Schmerz über den Tod meines Kindes noch viel schlimmer. Nach einer PDA waren die physischen Schmerzen zwar etwas leichter zu ertragen, doch die Angst, vor dem was kommen würde immens. Ich muss allerdings sagen, wir wurden unglaublich liebevoll, achtsam und empathisch begleitet und nach wenigen Stunden wurde unser Kind dann geboren.

Liliana Rubina

Ja, es war eine Tochter, so wie ich mir das insgeheim gewünscht hatte. Ein wunderschönes, perfektes Mädchen. Es hatte die langen Hände und Finger seines Vaters und ein süsses, wundervolles Gesichtchen. Sie sah sehr friedlich aus, als würde sie schlafen. Ich wollte sie sofort halten und alles an ihr in mir aufsaugen. Ich weinte und weinte und endlich konnte auch mein Partner wirklich weinen und obwohl es ihm anfangs schwerfiel, sie nach einer Weile auch in die Arme nehmen. Man liess uns sehr viel Zeit und wir durften dann auch in ein separates Zimmer, welches sich nicht auf der Geburtenstation befand umziehen. Wir hatten unsere Tochter die ganze Zeit bei uns und wechselten uns dabei ab, sie zu tragen, zu streicheln und zu erfassen. Doch wie kann man wirklich verstehen, warum das Kind, auf das man sich so lange gefreut und es ersehnt hat, gestorben ist. Gestorben, bevor es wirklich im Leben ankommen konnte?

Abschied von unserer Tochter

Nun mussten wir auch unsere Familien, Freunde und vor allem meine Töchter informieren. Alle waren fassungslos, traurig, sprachlos. Meine Töchter, meine Mutter und die Eltern meines Partner kamen und konnten so von Liliana Abschied nehmen. Meine Töchter waren wahnsinnig traurig. Doch was schön war, sie hatten keinerlei Berührungsängste und wollte ihre kleine Schwester halten, streicheln und sie ganz genau anschauen. Diese zwei Tage im Spital mit unserem Kind waren wohl eine der intensivsten Zeiten in meinem Leben. Mein Partner und ich waren uns unglaublich nahe und wir konnten uns gegenseitig stützen und halten. Dann kam der erste Schritt des Abschieds. Im Krankenhaus wurde eine kleine Abdankungsfeier in einem speziellen Raum vorbereitet. Das ganze Pflegepersonal war anwesend und viele weinten mit uns. Unsere Aerztin las einige Zeilen aus dem Buch „Der kleine Prinz“ vor, welche ich so schön fand, dass wir danach beschlossen, dass diese auf unserer Geburtsanzeige stehen sollten. Einige Tage danach fand auch die Beerdigung statt, die der Patenonkel von Liliana zum Glück für uns organisiert hatte. Wir hatten zuvor die Geburts-/Todesanzeigen verschickt und viele Menschen kamen und nahmen Anteil. Wir bekamen sehr viele Karten und Briefe mit unglaublich lieben Worten.

Das Leben danach

Ich kann es gar nicht beschreiben, wie traurig ich war. Der Schmerz war grauenhaft! Und doch war in mir ein Gedanke, ein Wissen, ein Verstehen, welches ich schon kurz nach der Geburt von Liliana hatte. Irgendwie wusste ich, dass der Tod meines Kindes eine Bedeutung hatte und nicht umsonst gewesen war. Ich las ganz viele Bücher über den Tod, vor allem von Kindern. Elisabeth Kübler-Ross, die berühmte Schweizer Sterbeforscherin, hat auch sehr eindrücklich darüber geschrieben. Ich fand auch eine Selbsthilfegruppe, zu der mein Partner und ich kurz nach dem Tod von Liliana das erste Mal gingen. Es war unglaublich wohltuend mit anderen Paaren, denen dasselbe passiert war, zusammenzusitzen und offen über alles zu sprechen. Dieses Verstanden werden tat so gut, man fühlte sich weniger alleine. Es entstanden daraus auch Freundschaften, die bis heute anhalten. Arbeiten konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, doch ich musste und wollte für meine Töchter dasein. Gleichzeitig wusste ich auch, dass mein Leben nie mehr so sein würde, wie zuvor und das wollte ich auch nicht.

Entscheidungen

Ich entschied mich von einem Tag auf den anderen, mit dem Tanzen, bzw. dem Tanzunterricht aufzuhören. Schon länger hatte ich das Gefühl, es sei an der Zeit, aber irgendwie den Mut nicht dazu gehabt. Ich hatte ja auch schon mein zweites „Bein“, mein Studio für Personal Training nebenbei etwas aufgebaut. Und nun wollte ich mich ganz darauf konzentrieren, auch wenn ich nicht wusste, ob ich damit finanziell über die Runden kommen würde. Doch es war klar, ich musste und wollte mein Leben radikal ändern. Das war ich meiner Tochter schuldig. Gleichzeitig sprachen mein Partner und ich auch darüber, dass wir es noch einmal versuchen wollten, mit dem schwanger werden. Ich hatte zwar grosse Aengste, aber die Sehnsucht nach einem weiteren gemeinsamen Kind war grösser. Nebst dem ganzen Trauerprozess, den ich intensiv durchlebte, versuchte ich mein Leben wieder einigermassen neu aufzubauen. Das war nicht immer leicht. Denn es gab viele Tage, an denen ich nur schwer, tieftraurig und kraftlos war.

Neue Hoffnung

Dann kam die erste neue Hoffnung. Ich wurde 4 Monate nach der Geburt unserer Tochter wieder schwanger. Doch leider endete diese Schwangerschaft früh in der 9. SS-Woche. 3 Monate später wurde ich erneut schwanger, aber auch hier war in der 7. SS-Woche wieder alles zu Ende. Zwei harte und erschütternde Schläge, die meine Hoffnungen fast zerstörten. Doch wollte ich nicht aufgeben. Da ich schon immer sehr interessiert an Naturheilkunde gewesen war und während meines ganzen Lebens sehr viel darüber gelesen hatte und auch schon zuvor vor allem darauf zurückgegriffen hatte, wenn mal etwas aus der Balance war, versuchte ich es nun auch mit Akupunktur, Homöopathie, Kräuter und anderem. Dann entdeckte ich per Zufall ein Buch über die Fruchtbarkeitsmassage, welches ich sehr spannend fand. Ich recherchierte darüber und da ich niemanden in der Schweiz fand, welche diese anbot, entschloss ich mich kurzerhand direkt nach London zu Dr. Gowri Motha, einer indischen Gynäkologin zu fahren. Dr. Motha hat die Massage als Teil eines Systems (Creative Healing, eines englischen Heilers) weiterentwickelt und bot auch Ausbildungsblöcke dafür an. Die Idee war aber, dass ich alles für mich lernen wollte und damit vielleicht wieder schwanger werden könnte. Zweimal war ich in London und zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Mal.

Erkenntnis

Nach dem ersten Block in London erzählte ich einer Freundin von meiner Ausbildung. Worauf sie mir von einer Bekannten erzählte, die schon seit Jahren erfolglos versuchte schwanger zu werden. Sie meinte, das wäre doch eine gute Gelegenheit, an jemandem zu üben. Obwohl ich überhaupt nicht darauf ein- und ausgerichtet war, dachte ich mir, das wäre sicher nicht schlecht, um mich zu verbessern und gleichzeitig jemandem anderen etwas Gutes zu tun. Die Bekannte war einverstanden und so machte ich ihre einige Behandlungen, vollkommen improvisiert, bei ihr zuhause. Und dann geschah das Unglaubliche: Diese Frau wurde schwanger, ganz natürlich. In diesem Moment, als sie es mir mit unglaublicher Freude und Staunen mitteilte, war mir plötzlich alles klar. Ich wusste sofort, dass dies nun mein neuer Weg sein würde. Frauen und Paare beim Kinderwunsch zu begleiten. Es war auch gleichzeitig wie eine Hommage an meine Tochter. Denn sie hatte mich dahingeführt.

Mein neuer Weg

Ich war beseelt davon, diesen neuen Weg, der sich so richtig für mich anfühlte, zu beschreiten und es tat mir unglaublich gut, dass ich dem kurzen Leben meiner Tochter so einen Sinn geben konnte. Ich bildete mich daraufhin stetig weiter. Naturheilkunde, Bachblüten, Maya Abdominal Massage, Reiki und einiges mehr. Mein eigener Kinderwunsch verblasste mit der Zeit. Ich spürte, dass es wohl nicht mehr meine Aufgabe in diesem Leben war, ein weiteres Kind zu empfangen. Meine neue Aufgabe machte mich von Anfang an sehr glücklich und das ist bis heute so geblieben. Mit jeder Frau, jedem Paar, welches den Weg zu mir findet und ich begleiten darf, werde ich be- und gestärkt. Jede Schwangerschafts-Botschaft freut mich ungemein und ich fiebere mit den Frauen mit, egal welchen Weg sie beschreiten. Ich fühle mich beschenkt vom Leben, dass ich eine Aufgabe erfüllen darf, die eine solch grosse Bedeutung hat. Mit Menschen zu arbeiten, die mir dieses Vertrauen entgegenbringen. Liliana ist durch meine Arbeit immer dabei, denn sie ist wie eine Lehrerin für mich geworden. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke und Zwiesprache mit ihr halte. Genauso glücklich bin ich über meine beiden grossen Töchter, deren Weg ich begleiten durfte und bin auch enorm stolz darauf, was für wunderbare Frauen sie geworden sind.

Ich hoffe und wünsche mir, dass ich mit meinem ganz persönlichen Bericht vielen Frauen und Paaren Mut machen kann. Mut, sich auf das Leben mit allen Facetten einzulassen und es anzunehmen. Wir können dadurch nur gewinnen.

Herzlichst, Roberta

Für Liliana

„Wenn Du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können! Und wenn Du Dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst Du froh sein, mich gekannt zu haben. Und Deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn Du den Himmel anblickst und lachst.“

Aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry