Eine gute Therapeutin/Ein guter Therapeut ist wie eine gute Mutter/ein guter Vater
Im Laufe der letzten 14 Jahre, seit ich angefangen habe, mit dem Thema Kinderwunsch, Frauengesundheit und Schwangerschaft zu arbeiten, habe ich mir oft und immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie ich den Frauen und Paaren die zu mir kommen, gegenübertreten möchte und kann. Was nehme ich für eine Haltung ein? Wie viel Nähe oder Distanz ist nötig? Wie möchte ich selbst wahrgenommen werden? Was möchte ich mitgeben? Wie vermittle ich Akzeptanz und wie kann ich noch besser zuhören, bzw. zwischen den Zeilen „lesen“?
Denn eines ist klar, um eine Vertrauensebene zu schaffen, braucht es nebst der physischen Behandlung wie einer Massage, einem Wickel, einer Kräutertinktur, genauso die menschliche, empathische und respekt- volle Ebene, die für beide Seiten wichtig ist. Sowohl für den Empfänger, als auch den Gebenden. Obwohl ich das gar nicht so sehe. Denn jede Begegnung/Behandlung ist immer ein Geben und Nehmen und zwar in einem Fluss. Auch ich lerne jedes Mal etwas dazu und kann mich so weiterentwickeln. Ich bekomme etwas, was ich auch wieder weitergeben kann. Das geht aber nur, wenn man immer wieder reflektiert und innehält. Sonst braucht man sich auf und ist nicht mehr zu 100% da.
Was bedeutet der Vergleich des/der Therapeuten/in und der Mutter/des Vaters
Gerade auf dem Kinderwunschweg denken viele Frauen und Männer auch darüber nach, was für eine Mutter, was für ein Vater sie gerne sein möchten. Welche Werte, Ideale, Eigenschaften und Vorbilder möchten sie ihren Kindern mitgeben und sein. Wie möchten sie ihre Kinder erziehen, was ist ihnen dabei wichtig und welche Gedanken und Wünsche haben sie für die Zukunft ihrer Kinder?
Ich stelle diese Fragen oft auch in meinen Beratungen und höre dabei immer wieder auch folgenden Satz: „Ich möchte mein Kind zu einem selbständigen, selbstbewussten Menschen erziehen, der gut für sich alleine sorgen kann, auf eigenen Beinen steht und weiss und spürt, was gut ist für ihn und was nicht; was er braucht und was nicht; wie er ja und nein sagen kann; und wie er ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen kann.“
Genauso sehe ich auch meine Aufgabe als Therapeutin. Ich muss zwar die Menschen, die zu mir kommen und meine Hilfe suchen nicht mehr erziehen und ich bin auch nicht ihre Mutter. Doch genau wie eine Mutter möchte ich für sie und wünsche es mir, dass sie ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen können und dass sie ihren Weg nicht nur finden, sondern auch gehen.
Als gute Mutter / guter Vater muss ich mein Kind dafür von mir weglieben
Als gute Therapeutin muss ich meine Patienten von mir wegtherapieren
Begleitung auf dem Weg in die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung
Genauso wie eine gute Mutter/ein guter Vater ist es meine Aufgabe zu begleiten, zu unterstützen und zu ermutigen. Es ist aber nicht meine Aufgabe, genauso wenig wie es diejenige der guten Mutter oder des guten Vaters ist, meinen Patientinnen oder Patienten etwas abzunehmen, was sie auch selbst können. Ich möchte hier ein kleines, simples Beispiel machen:
Stell Dir vor, Dein Kind kommt in das Alter, in dem es lernen kann, seine Schuhe selber zu binden. Bis anhin hast Du das für Dein Kind getan, denn es konnte es ja noch nicht selber. Obwohl ja auch jedes Kind wieder anders ist und ein anderes Entwicklungstempo hat. Nun fängst Du an, Deinem Kind zu sagen und zu zeigen, wie es seine Schuhe selber binden kann. Das wird vielleicht am Anfang noch nicht so gut klap- pen, das Kind braucht Uebung. Aber was Dein Kind vor allem braucht ist Geduld, Zuspruch und das Ge- fühl, dass Du ihm das zutraust. Wenn Du aber ungeduldig wirst, weil es lange dauert, oder weil Du Deinem Kind das Schuhe binden nun schon zum wiederholten Male zeigen musst, oder weil es Dein Kind nicht „richtig“ macht, wirst Du es unweigerlich schon entmutigen. Es merkt schnell, dass es Deinen Ansprüchen und Deinem Tempo nicht gerecht wird und wird dadurch verunsichert. Vielleicht traut es sich das Schuhe binden dann nicht mehr oder immer weniger zu. Es kann auch sein, dass Du immer wieder aus Ungeduld sagst: „Ach komm, das geht mir zu langsam, ich mach das schnell!“ Du tust das in keiner bösen Absicht, aber damit nimmst Du Deinem Kind einen Teil seines Lernprozesses weg, den es ja tun muss, um selbst- ständig zu werden.
Meine Funktion als Therapeutin
Nun versuche ich das mit meiner Arbeit als Therapeutin zu vergleichen, wobei es hier ja nicht ums Schuhe binden geht…! Eine Frau oder ein Paar kommt zu mir, weil sie/es sich ein Kind wünscht und es bis jetzt nicht geklappt hat. Es besteht also schon eine gewisse Verunsicherung und das Gefühl: „Ich kann das nicht“. Meist wird dieses Gefühl dann auch auf der medizinischen Ebene noch verstärkt. Das heisst, Diag- nosen stehen im Raum, Prognosen oder auch zukünftige mögliche Prozedere. Hier geht es in erster Linie um das pathologische (krankhafte) und negative, was betrachtet wird. Natürlich geht es auch darum he- rauszufinden, warum es mit einer Schwangerschaft noch nicht geklappt hat. Doch nicht immer kommt es zu einem schlüssigen Resultat und nicht jede Behandlung führt zu einer Schwangerschaft.
Meine Aufgabe sehe ich deshalb in erster Linie darin, die Frau/das Paar zu bestärken, zu ermutigen und ihr/ihnen dabei zu helfen, ihre „Schuhe selber binden zu können“! Und sich das vor allem auch (wieder) zuzutrauen! Dafür ist es ganz wichtig, erstmal gut und ganz genau zuzuhören, sich Zeit zu nehmen, ge- duldig zu sein und vor allem den Fokus auch auf positive Aspekte zu lenken. Ich appelliere dabei vor allem an die innere weise Stimme, die jeder Mensch in sich hat und versuche das Vertrauen der Menschen in sich zu stärken, indem ich ihnen sage und zeige, dass ich ihnen das zutraue! Das ist die Basis, genauso wie bei der guten Mutter/dem guten Vater.
Was heisst von sich weglieben oder von sich weg therapieren?
Als Mutter oder Vater ist es unsere Aufgabe unser Kind in ein unabhängiges, selbständiges und glückliches Leben zu begleiten. Es ist wichtig, dass wir dabei nicht unsere Wünsche und Vorstellungen, was das Leben unseres Kindes anbelangt auf es übertragen, sondern dass wir es alleine bestimmen lassen, auch wenn das vielleicht ein Weg werden wird, den wir noch nicht kennen, den wir nicht so toll finden, der uns Angst macht, uns verunsichert. Doch es ist und wird der Weg unseres Kindes. Und als gute Mutter und guter Vater bestärken wir unser Kind darin, seinen eigenen Weg auszuprobieren. Vielleicht strauchelt es, zweifelt oder verzweifelt es an diesem Weg, doch vielleicht wird es auch glücklich und erfolgreich damit. Wie immer es auch sein wird, wir als Mutter und Vater sollten immer da sein für unser Kind, ihm immer das Gefühl geben, dass wir in jeder Situation hinter ihm stehen und dass es immer und jederzeit zu uns kom- men kann für Trost, Hilfe, Unterstützung und vor allem mütterliche und väterliche Liebe. Damit unser Kind dies aber tun kann, seinen eigenen Weg gehen, müssen wir es von uns weglieben. Wir müssen es ermutigen zu gehen. Das beginnt bei den ersten Schritten, die unser Kind tut und geht weiter durch die Kindheit und Jugend bis zum Erwachsenenalter. Es wird immer selbständiger und braucht uns immer weniger. Doch es soll sich gewiss sein darüber, dass wir immer da sind, es lieben, ihm vertrauen, ihm zutrauen und es ermutigen. So kann es wachsen und sich selber finden. So wird es stark und und steht fest im Leben.
Eine innere Ueberzeugung
Als Therapeutin ist das genauso. Ich darf meine Patientinnen und Patienten nicht an mich binden. Sie sollen nicht das Gefühl haben, ohne mich schaffen sie die weiteren Schritte nicht. Ohne mich klappt es nicht mit der Schwangerschaft. Ich versuche ihnen deshalb zu vermitteln, dass ich an sie glaube und ihnen nicht nur vertraue sondern auch zutraue, dass sie die nötigen nächsten Schritte auch ohne mich gehen können. Doch genauso vermittle ich ihnen, dass ich jederzeit da bin, wenn sie mich brauchen oder sich von mir bestärken lassen möchten, wenn sie unsicher sind, wie weiter, wenn sie Fragen haben, egal welcher Art, wenn sie einfach bei mir zur Ruhe kommen wollen und wieder Energie und Kraft tanken wollen. Dann bin ich da. Doch sie sollen immer selber entscheiden können und unabhängig von mir sein. Dann ja dann, bin ich eine gute Therapeutin. So sehe ich das. Und so versuche ich das auch zu vermitteln. Das liegt mir sehr am Herzen. Denn ich habe es tagtäglich mit Menschen zu tun, die neue Hoffnung suchen, neue Wege und vor allem wieder sich selber. Damit sie mit allem, was ihnen in der Zukunft begegnet, anders bzw. besser umgehen können. Damit sie ihre innere Kraft und Stärke wieder finden und sich nicht entmutigen lassen, wenn es beim ersten Versuch mit dem „Schuhe binden“ nicht klappt.
In diesem Sinne alles Gute und Beste auf Eurem Weg
Herzlichst Roberta
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